An dem Tag trug ich ein Dirndl. Ich hatte drei verschiedene und dies war mein Lieblingsdirndl, grün und mit kleinen Rosen darauf. Es war warm in Teheran, die Sonne blendete. Oktober 1966 steht in der runden Schreibschrift meiner damals einunddreißigjährigen Mutter auf der Rückseite des Fotos. Die ehemals schwarze Tinte ihres Füllers hat mit den Jahren die Farbe eines tief dunklen Aquamarin angenommen, und ich kann mir die Tatsache, daß ich mich an diese Begebenheit überhaupt erinnere, obwohl ich gerade erst drei geworden war, nur damit erklären, daß wir im Familienkreis später noch mehrmals ähnliches erlebten.
Was ich zu erinnern meine, ist brüchig, schwammig und ungewiß – bis auf eines: das Wort, das der Mann, der auf dem Foto neben mir steht, freudestrahlend sagte. Es ist Teil der Hörerinnerungen meines Lebens geworden, als hätte etwas in mir damals schon gewußt, daß es eine Wichtigkeit hat, etwas Wesentliches transportiert, etwas das mir allerdings schleierhaft war, und tatsächlich sollte es schließlich noch über zwanzig Jahre dauern, bis ich eine erste Ahnung davon bekam, was sich mir in diesem Moment, der, auf Celluloid und Fotopappe gebannt, heute als Schwarz-Weiß-Reminiszenz auf meinem Schreibtisch liegt, dargeboten hat als fein gewebtes Muster im Teppich meines Lebens.
Meine Mutter, schwarze Pariser Pfennigabsätze, Dreiviertelarmoberteil aus einem Gemisch dunkler Seide und Baumwolle, knielanger, figurbetonter Rock und die Haare modisch hochgesteckt, bückt sich zu einem Wägelchen hinunter, das man heute Buggy nennen würde und in dem mein kleiner Bruder sitzt. Ich lächle in die Kamera. Neben mir steht der junge Mann, vielleicht siebzehn, achtzehn Jahre alt, in Anzug und weißem Hemd, aber doch deutlich einer anderen Realität von Zugang zu Geld und Bildung angehörend als meine Familie. Er strahlt und winkt mir zu. Seine weiche, melodische und möglicherweise vom Stolz über seine Kenntnisse ein wenig gehobene Stimme klingt mir noch in den Ohren.
Mit leuchtenden Augen sagte er "Oilitleh!" Er sagte es zweimal und beim zweiten Mal wendete sich meine Mutter mit einem höflichen Lächeln hilfesuchend zu meinem Vater um, der gerade die Fotos schoß.
Wie die Situation ausging, weiß ich nicht mehr, nur daß ich später im Auto fragte, was der Mann denn gesagt habe, weil ich das Wort nicht kannte und spürte, daß irgendetwas nicht in Ordnung war.
Ach, sagte meine Vater, nichts weiter. Er hat Oilitleh gesagt. Viele meiner Landsleute glauben, daß sei die schickliche Art, Deutsche zu begrüßen. Ich machte ein Liedchen aus dem Wort, was meinen Vater zum Lachen brachte. Oilitleh, Oilitleheh, Ohoilitleh und immer so fort, bis meine Mutter auf dem Beifahrersitz herumfuhr, mich ärgerlich ansah und mir den Mund verbot. Erschrocken über die ungewohnte Behandlung, starrte ich verwirrt, auch verschämt, auf den Boden. Sie aber sagte nichts weiter, drehte sich nur um und schwieg beharrlich.
Was heißt das, fragte ich später meinen Vater, der mich ins Bett brachte. Was heißt Oilitleh? Das Sprech-oder besser Singverbot hatte dazu geführt, daß ich inzwischen ganz vernarrt war in das Wort. Und warum hat der Mann den Arm so komisch nach vorn gestreckt, als er es sagte?
Vater strich mir über dir Stirn. Es gab einmal einen König in Deutschland, erklärte er. Er hieß Hitler und er dachte, die besten Menschen der Welt kämen aus dem Iran. Er nannte sie Arier. Und, wie du weißt, ist der Titel unseres iranischen Königs Shâhanshâh Âriâmehr, Kaiser der Könige, Licht der Arier. Die Deutschen mögen die Iraner deswegen, und die Iraner mögen die Deutschen, genau wie deine Mutter und ich uns ja auch lieben. Diesen König begrüßte man so, wie der Mann auf der Straße deine Mutter begrüßte, als er herausfand, daß sie Deutsche ist: Man streckte den Arm aus und sagte „Heil Hitler!“ Mit einem persischen Akzent gesprochen, klingt es das dann an wie Oilitleh.
Ich dachte über den alten, deutschen König nach. Irgendetwas stimmte immer noch nicht. Mein Vater schaltete das Licht aus, aber ich rief ihn zurück. Warum darf ich denn nicht von dem König singen?, wollte ich wissen.
Weil er ein schlechter König war, Kind. Schlechte Könige sollte man nicht besingen, gab er mir zur Antwort. Dann zog er die Tür zu und ich spürte, daß dies eine abschließende Erklärung gewesen war, eine, auf die keine weitere folgen würde. Trotzig summte ich meine Oilitleh-Melodie vor mich hin, bis ich einschlief, und behielt diese Angewohnheit noch wochenlang bei.
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