Sudabeh Mohafez   
Schriftstellerin   
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Schicklich
Nur ein Wort
Das Gästezimmer
Das Heinrichshaus
Der Zeitlupenschrei
Zehn Zeilen
Das Gästezimmer
© Sudabeh Mohafez

So gut wie leer war die Wohnung. Vom Schlafzimmer abgesehen, hallten die Räume wieder, wenn Kaila von einem in den anderen ging. Als wäre ihr Obdach höher, weiter geworden, als wäre es gewachsen. Sie sah sich um, überlegend, tastete den Ort ab auf der Suche nach ihrem Tabak. So ließ er sich nicht finde. Also ging sie in die Küche, in die seit ein paar Tagen gänzlich weiße Küche. Frisch gestrichen, ordentlich geputzt für die Übergabe mit der Vermieterin, für die Nachmieter, dafür, selbst mit einem sauberen, glatten Gefühl gehen zu können. Sie sah nur kurz in die Ecke hinten rechts. Alles Putzen hatte nicht geholfen. Die Ecke roch immer noch so, wie damals, vor drei Jahren, als ihr Kopf dort zum ersten, nicht zum letzten Mal auf den Boden geschlagen war und zu bluten begonnen hatte.

Warum gerade diese Ecke? Das hatte sie sich oft gefragt. Die Antwort war vermutlich so banal, wie die meisten Dinge im Leben, wenn man ihnen einmal auf den Grund gegangen war. Es war die einzige Küchenecke, die ausreichend Platz für das Niedergehen eines erwachsenen Körper bot. Deshalb. Vermutlich deshalb. In all dem frischen Weiß war kein braunes Päckchen zu sehen. Sie mußte den Tabak irgendwo anders abgelegt haben. Das Bad, die Küche: Nein. Also ging sie ins Schlafzimmer, in das sie nur noch selten ging, in dem sie all die Kisten gesammelt hatte. Umzugskisten. Sie standen dort mannshoch übereinander gestapelt an der linken Wand. Fein säuberlich hatte sie für die Leute von der Spedition jeweils darauf geschrieben, wo ein Karton in der neuen Wohnung hingestellt werden sollte: Wohnzimmer. Kinderzimmer, obwohl es dort keine Kinder mehr geben würde. Küche, Bad und so weiter. Darunter hatte sie kleine Stichworte für sich selbst notiert. ‚Geschirr und Besteck' oder ‚Fliegerjacke, Bücher', auf einem der Kartons stand: ‚Fotos, Bürokram, Anwalt'. ‚Anwalt' war durchgestrichen, denn sie hatte den Ordner mit den Prozeßakten wieder aus der Kiste genommen. Sicher ist sicher. Im Zweifelsfall, im Falle eines Diebstahls des Umzugsguts während des Transports von A nach B, für den keine Spedition eine Versicherung anbot, wollte sie nicht gezwungen sein, sich die gesamte Akte noch einmal für teures Geld kopieren zu lassen. Nun lag sie auf der anderen Seite des Zimmers, in dem Koffer, den sie mit ins Flugzeug nehmen würde.

Wie viele Ecken, wie viele Nischen eine Wohnung erst preisgibt, wenn man sie leer räumt, dachte Kaila und blickte, während sie Blättchen und Tabak im Schlafzimmer von einer der Kisten klaubte, durch den Flur ins gegenüberliegende Zimmer, ins Gästezimmer, Balkonzimmer. Dorthin, wo ihr Reich gewesen war. Der Rest der Wohnung hatte ihr nie wirklich gehört. Das Arbeitszimmer. Die Kinderzimmer. Das Eßzimmer. Sie alle hatten Martin gehört. Sogar das Wohnzimmer, in das er sich zurückzog, wenn er nicht arbeiten, aber auch nicht auf sie treffen wollte. "Geh raus", hatte er dann einfach gesagt, und sie hatte sofort getan, was er verlangte, hatte die Tür offen stehen gelassen, damit er sich nicht eingeschlossen, weggeschlossen fühlen mußte, und war ins Gästezimmer gegangen. Es war unpersönlich eingerichtet. Ein billiges Bett, das unter einer alten, rückengefährdenden Federkernmatratze quietschte, wenn man sich von links nach rechts drehte, ein schmaler, häßlicher Schrank aus Martins Jugendzeit, ein Spiegel. Wie ein billiges Zimmer in einer Pension, in der man höchstens für eine Nacht blieb. Dies war ihr Ort gewesen. Das Zimmer und der schmale Altbaubalkon davor, zu dem man durch eine Flügeltür gelangte. Hier hatte sie manchmal ganze Abende verbracht und die sich anschließenden Nächte, manchmal Tage, denn ein solcher Befehl aus Martins Mund war immer erst hinfällig gewesen, wenn er kam und sie aufforderte, irgend etwas zu tun. Abendessen zu machen, mit ihm ins Theater zu gehen, jemanden anzurufen oder mit ihm zu schlafen. Im Schrank lagen ein paar Stück Wäsche, ein Nachthemd, ein Buch, eine Zahnbürste, ein Päckchen Tampons. All das lag immer noch dort. Sie würde nichts davon mitnehmen. Nichts. Wenn sie könnte allerdings, würde sie den Balkon mitnehmen. Und den Flieder, der sich hoch vor ihm emporstreckte, der im Frühjahr aus üppigen Blütendolden duftete, der hellviolett blühte, dessen Aroma sie fortgetragen hatte hundertmal, tausendmal, an einen Friedensort, an einen Ort der Ruhe und des Glücks. An einen Ort, den sie sich vorgenommen hatte, nun in beharrlicher Kleinarbeit zu erschaffen.

Sie ging ins Gästezimmer, sah sich um, öffnete das Päckchen mit den geübten Fingern der Hand, die es hielten, und setzte sich in die freigewordene Ecke, von der aus Balkon und Flieder in ganzer Pracht sichtbar war. Hier hatte früher Oma Margots Truhe gestanden. Nun stand sie unter den Umzugskisten. Die teuren, aber uralten Teppichfliesen lagen noch auf dem Boden. Kaila hatte sie gesaugt und Frau Kochnitz, die zusammen mit ihrem Mann die Wohnung ab übermorgen bewohnen würde, hatte sich gefreut, daß sie liegen bleiben würden. "Wir können sie später durch neue ersetzen. So ist jedenfalls erst einmal ein warmer Boden da", hatte sie gesagt und dabei schamhaft gelächelt und aus dem Fenster gesehen. Die Kochnitz' konnten sich die Wohnung nicht wirklich leisten. Kaila wußte es, denn Frau Kochnitz hatte ihr von der Arbeitslosigkeit ihres Mannes erzählt und davon, daß die Verdienstbescheinigung, die sie vorgelegt hatten, gefälscht war.

"Wir haben hier früher gewohnt, wissen Sie. Vorm Krieg. Ich bin in dieser Wohnung aufgewachsen und Max in der gegenüber. Es gab Schwierigkeiten, weil mein Vater Kommunist war. Wir wünschen uns beide so sehr, hier noch einmal zu leben." Kaila hoffte, daß es ein gutes Leben würde, das Kochnitz'sche Leben, das hier stattfinden würde. Sie würde ihnen die Einbauküche samt Geschirrspüler und Waschmaschine dalassen, die gesamte Badeinrichtung, das Sofa, das Ehebett und den großen Schrank im Schlafzimmer. Trotzdem war die Wohnung erstaunlich leer, hohl fast, jetzt, da alles andere entweder verkauft oder verschenkt oder verpackt war.

Sie setzte sich in die von der Truhe freigegebene Ecke und sah sich um. Eigenartig, daß Martin ihr dieses Refugium gelassen hatte. Eigenartig, daß hier nie etwas Schlimmes stattgefunden hatte. Als wäre es ihm eine Erleichterung gewesen, daß sie einen, zwar jederzeit zugänglichen, aber doch von ihm ganz freien Raum besaß. Als hätte es ihn erleichtert oder gerechtfertigt. Niemand hätte ihm vorwerfen können, daß er alles beanspruche. Sie hatte ja etwas. Vor allem den Balkon. "Den schönsten Raum der Wohnung hast du dir gekrallt", hatte er immer wieder gesagt, "den Balkonraum", aber nie Anstalten gemacht, etwas daran zu ändern.

Daß er die Kinder zugesprochen bekommen hatte, quälte sie. Sie würde sie vermissen. Sie würde sich Sorgen um sie machen. Ständig. So lange sie selbst dagewesen war, hatte es für Martin nie einen Grund gegeben, den Kindern etwas anzutun. Er hatte sie zu sich gerufen, sie in eines der Kinderzimmer gesperrt. Immer gemeinsam. Die Schlüssel aller Türen der Wohnung hingen an seinem Schlüsselbund, weswegen er sich manchmal Spott von Dritten einhandelte. "Was ist denn das für ein monströser Schlüsselbund?" oder "Was für Schätze hast du denn hinter so vielen Schlössern versteckt?" bekam er manchmal zu hören. Er grinste dann gewöhnlich mit diesem charmanten, alle Fragen offenlassenden Gesichtsausdruck und wechselte gekonnt das Thema. Er schloß die Kinder weg, tat mit ihr, was er beschlossen hatte zu tun, und ließ Clemens und Bernd erst wieder heraus, wenn Ruhe eingekehrt war. Ruhe in ihm, Ruhe in der Wohnung. Die Kinder durften nicht ins Gästezimmer. Nie. Das war eine Grundregel, die sie schon in frühem Alter zu lernen gehabt hatten. Sie hatten schnell gelernt, weil sie klug waren und wußten, daß Kaila weniger zu leiden hatte, wenn sie parierten. Es war ihr nie gelungen, einen Weg zu finden, diese fatale Koppelung aufzulösen. Sie war zu real gewesen. So wußten die beiden auch genau, was sie vor der Familienrichterin zu sagen hatten.

Kaila, zündete sich die Zigarette an und blies mit einem kräftigen Rauchstrahl den Gedanken an ihre Söhne fort, weit fort aus der offenstehenden Flügeltür, durch den Flieder in den Himmel. Sie hatte alles versucht. Sie war gescheitert. Daran war in nächster Zukunft nichts zu ändern. Einmal im Monat ein Wochenende. So viel hatte sie erreicht für sich und die Kinder. Immerhin. Was nun blieb, war nur noch der Abschied von dem Raum, der all ihr Versagen bezeugen mußte, in dessen Antlitz sich ihr ganzes Scheitern, ihre gesamte Unfähigkeit gemeißelt hatte, ein Leben zu leben, wie sie es erstrebenswert gefunden hätte. Diese Wohnung war der Ort gewesen, an dem sie ihrer eigenen Entwertung unter tausend Ausflüchten so lange zugestimmt hatte, bis ihr jüngeres Kind, Bernd, zu ihr gekommen war in einer Nacht, in der Martin sie morgens um fünf alle eingeschlossen hatte, um für ein paar Tage fortzubleiben. Bernd hatte sich zu ihr ins verbotene Gästezimmerbett gelegt, ihren Kopf mit seinen dünnen Ärmchen umfaßt und gesagt: "Mama, ich glaube, du mußt weggehen."

Sie hatte drei Wochen gebraucht. Dann war sie, nach einer friedlichen Nacht unbemerkt gegangen. Zwei Tage später hatte Martin die Wohnung mit den Kindern verlassen. Den Rest hatten Anwälte geregelt und Mitarbeiterinnen eines Frauenhauses.

Wie verläßt man einen Ort, der gezwungen war, ein solches Scheitern zu beherbergen? Immer wieder stellte sich Kaila diese Frage. Sie drückte die Zigarette auf einer der Teppichfliesen aus. Frau Kochnitz würde es ihr verzeihen. Sie ließ den Stummel liegen, wo er lag, steckte den Tabak in ihre Jackentasche, schloß die Balkontür und ging. Im Hausflur warf sie den Schlüssel, wie verabredet, in den Briefkasten vom Hauswart. Dann winkte sie ein Taxi heran und ließ sich zum Flughafen fahren. Das Schlimmste war überstanden. Jetzt den nächsten Schritt tun. Dann den nächsten und den übernächsten. Sie war entschlossen herauszufinden, ob sie in der Lage war, doch noch ein Glück zu leben.

Aus: Entwürfe 43 / 2006
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