Die Frau bedeutet dem Mann, er solle einige der Kisten ins Schlafzimmer tragen, andere ins Wohnzimmer und ein paar in die Küche. Sie hat fünfundzwanzig von denen bestellt, die der Speditionskatalog Bücherkisten nennt. Sie hat weitergemacht, sich gewöhnt. Sie hat sich an das Kind gewöhnt, das tagelang auf dem Bett gesessen hat. Sie hat weitergemacht.
Die Kisten sind flach gefaltet, von einem festen schwarzen Kunststoffband in Fünferbündel zusammengefaßt, und lassen sich, wie es scheint, leicht tragen.
Der Mann zeigt ihr, wie die Kisten aufgestellt werden, bekommt ein Trinkgeld, wendet sich zur Tür. Die Frau hält ihn am Ärmel zurück, winkt ihm, ihr in die Küche zu folgen, hält ihm ein Papier vor die Nase. Der Mann liest. Er nickt, brummelt, eher hilflos als unfreundlich.
"Ja. Ja", sagt er, "was wollen Sie denn wissen?"
Die Frau zeigt auf das Datum, die Uhrzeit.
"Ja", sagt der Mann, "wir kommen, wir werden dasein. Machen Sie sich mal keine Sorgen. Das geht schon alles in Ordnung."
Sie nickt, ist zufrieden. Der Mann nickt auch, räuspert sich. Sie sehen sich an. Er ist nicht viel größer als sie, ein kleiner, kräftiger Mann mit dunklem, schütterem Haar. Jung ist er, vielleicht Mitte, Ende Dreißig. Er sieht sich um.
"Das Haus, nicht?" murmelt er, während er die Küche betrachtet.
Die Frau schaut ihn an, hat feine Falten auf der Stirn, versteht die Frage nicht.
"Sie sind doch gerade erst eingezogen, vor zwei Jahren oder so", erklärt er und räuspert sich.
Die Frau entspannt sich, nickt.
"Warum, ich meine …", seine Stimme klingt angespannt, "warum wollen Sie wieder fort von hier?"
Die Frau macht eine Bewegung mit der Hand.
"Eine lange Geschichte", sagt er, legt den Kopf schräg und schiebt hinter geschlossenen Lippen ein fragendes Summen nach.
Die Frau nickt wieder.
"Darf ich Sie etwas fragen?" Er schaut, in den Augen Befangenheit.
Sie sieht ihn an, sieht sich sein Gesicht an, seine Augen, überlegt, denkt nach, ob er sie etwas, noch etwas, fragen darf, ist sich nicht sicher, sieht auf ihre Hand, auf die rechte, die schließlich ja sagt.
"Es ist das Haus, nicht wahr? Das Haus ist der Grund. Deshalb wollen sie fort.. Das ist es. Das Heinrichshaus. Sie wissen es doch, oder? Man hat Ihnen doch bestimmt erzählt, was mit dem Heinrichshaus ist. Beim Kauf hat man es Ihnen doch bestimmt erzählt!" Er ist lauter geworden, aufgeregt. In seinen Augen, undeutlich, eine flackernde Neugier.
Die Frau ist belustigt. Sie nickt.
"Ja, sie müssen es Ihnen gesagt haben. Das war klar."
Die Frau winkt dem Mann, ihr zu folgen, winkt ihm leicht mit der Hand, geht hinüber zur Stiege hinter der kleinen Tür, die zum Dachboden führt.
"Sie haben es nicht geglaubt, oder?"
Die Frau ist damit beschäftigt hochzusteigen. Ihre Finger greifen fest ums Geländer. Die Stiege ist steil.
"Dann haben Sie herausgefunden, daß es doch stimmt, und jetzt ziehen Sie wieder aus." Der Mann klingt fast beruhigt, während er Zusammenhänge herstellt.
Sie steigt durch die Luke auf den Dachboden, hört ihn hinter sich. Unterm Dach ist es stickig, schummrig, staubverfangen. Die Frau hustet leise, wartet, bis sie besser sehen kann, geht vorsichtig über Dielen, die knarren, knarzen, die das Geräusch ihrer Schritte verstärken, es gleichzeitig stumpf verschlucken. Er echot ihr hinterher. Sie führt ihn in eine Ecke ganz hinten, zeigt auf ein Holzspind, das er öffnen soll. Zögerlich zieht er das Türchen auf, wachsam. Die Angeln quietschen, die Tür gibt den Blick frei auf ein Bündel am Boden, in Packpapier gewickelt. Er nimmt es hoch, hält es vor sich. Sie wartet. Er schaut nach ihr, ist blaß geworden, sieht sich um im Dachbodendämmer. Seine Finger malen feuchte Flecken auf die braune Verpackung. Langsam greift er ums Päckchen, nestelt am Papier, wickelt aus, was darinnen ist, bringt ein Buch zum Vorschein, geschrieben in altertümlicher Schrift, auf dem Deckel ein verblaßtes Bild: ein weißes Wehen im Wald, darin zwei schreckerfüllte Augen, im Schatten darunter eine Gestalt am Boden, von Laub halb verdeckt, ganz nah, ganz im Vordergrund das brausende Meer. Der Rest ist nicht mehr zu erkennen, ist fortgeätzt von schwitzenden Fingern, vom fiebrigen Druck zahlreicher Hände. Der Titel ist angegraut, alt auch er, aber lesbar. Wie die Jungfrau der Wellen den alten Heinrich sich holte. Eine Mär von der Hohwachter Bucht.
"Genau", sagt er, und seine Stimme klingt befriedigt, fest jetzt und ruhig. "Das hab ich gemeint. Es heißt, sie geht hier noch um, ihr Geist. Sie ist noch da draußen, im Meer, in der Bucht weiter oben irgendwo. Ich wäre hier nicht eingezogen. Ich nicht, ganz bestimmt! Er hat sie ermordet, hier im Haus, in diesem hier. Sie war seine Magd oder Braut. Wer weiß das heute noch so genau … Ist ihm lästig geworden irgendwann, da hat er sie umgebracht. Aber ihr Geist …" Plötzlich blickt er auf, sieht die Frau an. "Haben Sie das Buch gelesen?"
Sie nickt.
"Deshalb. Das ist es, nicht wahr? Deshalb wollen Sie hier wieder fort."
Die Frau schüttelt den Kopf. Der Mann sieht es nicht. Er blättert durch die Seiten, ohne zu lesen. Sie nimmt ihm das Buch aus der Hand, sachte, bückt sich, hebt das Packpapier vom Boden, wickelt die Mär von der Hohwachter Bucht wieder ein, legt sie ins Spind zurück, drückt die Tür zu.
Der Mann steht lahm. Die Frau zeigt auf die Treppe im Boden. Sie steigen hinunter, trinken starken Kaffee und einen Grog. Sie schweigen. Dann muß er längst wieder weiter, sieht sie an, entschuldigt sich mit einemmal wortreich. Sie tätschelt ihm den Kopf, als wäre er ein kleines Kind, bringt ihn zur Tür, zieht aus der Rocktasche den Zettel von vorhin.
Ja, ja, sie werden dasein. Auf jeden Fall. Er klettert ins Fahrerhaus, winkt, fährt los.
Die Frau steht in der offenen Tür, sieht den Wagen vorne in der Biege hinter abgeblühten Hundsrosen nach links wegtauchen, sieht rechts nach der See, spürt ihren Puls galoppieren, ihr Herz hämmernd schlagen, schließt langsam die Tür, lehnt mit dem Rücken an ihr. Die Kisten. Sie sind da. Jetzt sind die restlichen Tage gezählt.
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