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Ich habe dich hergebeten, um ‚Auf Wiedersehen' zu sagen.
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Ehrlich gesagt, hatte ich mir so etwas schon gedacht.
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Ich war mir nicht sicher, ob ich hier nicht allein stehen würde heute. Wir haben uns lange nicht gesehen.
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‚Lange' ist eine relative Angelegenheit.
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Neun Jahre. Immerhin haben wir uns neun Jahre lang nicht gesehen. Ich war mir nicht sicher, ob du kommen würdest, nur weil ich dich darum gebeten habe - noch dazu schriftlich.
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Die Karte war es.
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Das hatte ich fast vermutet.
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Sie hat mich an früher erinnert. Da konnte ich nicht Nein sagen. Du wußtest, daß ich kommen würde, wenn du mir so eine Karte schickst. So ein Bild. So ein kitschiges, albernes Hochzeitsbild oder was das sein sollte. Und in Schwarzweiß.
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Ich hatte gehofft, daß es dein Interesse wecken würde.
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Ich wäre auch so gekommen.
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Wirklich?
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Ich denke schon. Ich glaube, ich wäre auch ohne dieses Hochzeitsschwarzweiß gekommen. Nach so langer Zeit. Aber warum hier? Ausgerechnet an dieser Kreuzung. Ausgerechnet hier oben in dieser eigenartigen, stillgelegten Verkehrskanzel. Deine verrückten Orte immer.
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Eine Frage der Gelegenheit. Ich habe hier zu arbeiten. Ein wenig über der Stadt. Nicht zu hoch darüber, sonst hätte ich den Auftrag nicht angenommen. Weiter oben sähe man die Ferne zu deutlich.
- Du bist immer noch so ängstlich wie damals.
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Ich denke schon. Wie damals, ja.
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Natürlich musste es auf dieser Seite sein...
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Seite?
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Auf dieser Seite der Stadt! Das ist ein wenig…
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anachronistisch?
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Als wärest du nicht weitergegangen. Als wäre nicht so viel geschehen inzwischen. Die Stadt ist heute mehr als doppelt so groß, verglichen mit unserer Zeit. Als wärest du hier stehengeblieben, hier auf dieser Seite. Genau an dieser Stelle, die früher einmal eine Art Mitte war oder sein wollte oder mußte. Aber heute?
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Ich bin stehengeblieben.
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Das gibst du einfach so zu?
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Es ist eine Tatsache.
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Darauf kannst du nicht gerade stolz sein.
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Als die große Freiheit über uns kam, bin ich stehen geblieben. Aber das weißt du schon lange. Deshalb bist du doch gegangen damals. Weil du mein Stehenbleiben verachtetest. Weil du es nicht haben wolltest. Weil es nichts ist, auf das man stolz sein kann. Das kann man wirklich nicht.
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Immerhin gibst du es inzwischen zu. Damals warst du empört. Als ich es dir sagte, bist du ganz außer dir gewesen.
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Ich war empört. Ich wollte nicht als eine gesehen werden, die hinterherhinkt, zurückbleibt. Ich wollte… Es hätte mir gefallen, in dieser Freiheit mitzubaden, in diesem Gemeinschaftsgefühl, das ihr ausstrahltet, in der Hoffnung. Ich wollte kein Mauerblümchen sein, keine Langweilerin, keine Ewiggestrige. Was du sagtest, hat mich getroffen.
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Dabei sagte ich nur die Wahrheit. Daß du nämlich stehengeblieben warst. Sogar ganz sprichwörtlich. Du warst ja nicht von hier fortzubewegen. Du wolltest nicht ein einziges Mal mitkommen. Keinen Schritt wolltest du dorthin tun. Und dann diese Empörung, nur weil ich es aussprach.
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Ich dachte, ich würde aufhören.
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Was soll das wieder heißen?
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Ich fürchtete, wenn ich dorthin ginge, wenn ich diesen festgesteckten, diesen magischen, unförmigen von Backsteinen und Betontafeln und Zäunen gezogenen Riesenkreis einmal verlassen würde… Ich dachte, dann würde es aus sein mit mir.
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Weil da drüben die Wölfe warteten oder warum? Du machst dich lächerlich.
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Wölfe? Das ist ungerecht.
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Warum denn dann? Was gab es da schon zu fürchten?
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Warum? Weil dieses Ummauertsein mir Halt gab. Weil ich wußte, das es kein Verlaufen geben konnte. Kein wirkliches, grundlegendes, kein regelrechtes Verlaufen. Die Welt hatte ein Ende. Meine Welt. Damals. Ich war in einer Sicherheit, von der niemand etwas ahnte, du nicht, die anderen nicht. Ich selbst nicht. Bis die Freiheit über uns hereinbrach und die Welt einen gefährlichen Rand bekam. Einen über den man stolpern, fallen konnte, hinter dem vielleicht ein Abgrund, ein… Man weiß nie so genau, was dahinter kommt.
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Hast du wieder deine philosophischen fünf Minuten?
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Damals hast du mich auch schon nicht ernst genommen. Das ist ein Problem
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Du bist sentimental.
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Empfindlich. Das ist es, was ich bin.
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Also gut: Wieso? Wieso hattest du diese Ängste vor denen da drüben.
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Nicht vor denen da drüben. Vor mir. Vor mir in einer Welt ohne Begrenzung.
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Entschuldige, aber wovon redest du? Man hat dich hierhergebracht aus einem Land, in dem es keine Pressefreiheit gab und kein Frauenwahlrecht, in dem Oppositionelle gefoltert wurden. Und du sehntest dich nach einer begrenzten Welt?
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Vermutlich fühlte ich mich verloren.
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Bei uns? Hier?
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Ich hatte falsche Vorstellungen. Ich hatte falsche Bilder dazu im Kopf, wie es hier sein würde. Man hatte mir Dinge erzählt.
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Dinge.
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Ich dachte, hier wäre alles gut.
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Du dachtest was?
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Ich war ein Kind damals. Da weiß man noch nicht, daß es so einen Ort nicht geben kann.
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Und dann die große Enttäuschung, weil auch wir hier nur Menschen waren.
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Ja. Auch wenn ich es nicht so zynisch ausdrücken würde. Aber ich war tatsächlich enttäuscht, mehr als ich mir eingestehen wollte. Und ich fühlte mich so verloren, wie noch nie im Leben.
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Das ist eine rührende Geschichte. Du solltest sie als Drehbuch für ein B-Movie nach Hollywood verkaufen. Wie noch nie im Leben, das gäbe einen herrlichen Titel ab für die Traumfabrik.
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Geändert hat es sich zuerst durch dich, ein wenig.
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Durch mich?
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Durch diesen allerersten Spaziergang. Winterspaziergang. Nach der sechsten Stunde. Entsinnst du dich nicht mehr? Wir hatten eine Doppelstunde Physik in der siebenten und achten. In der Pause davor sahst du mich im Schulhof von der Seite an und sagtest - das werde ich nicht vergessen - du sagtest: ‚Hör mal, ich weiß etwas Besseres als Physik. Ich zeige dir, wo du hier gelandet bist. Diese Stadt ist eine Welt für sich und man muß sie in Ruhe entdecken.' Mit diesen Worten kamst du zu mir.
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Das hatte ich ganz vergessen. Aber es klingt ganz nach mir. Ich wollte dir imponieren. Immerhin kamst du aus der großen weiten Welt. Du interessiertest mich. Die anderen fanden dich pummelig und viel zu still, aber du hattest so ein Gesicht. Irgendetwas war an deinem Gesicht. Ich weiß nicht, was es war. Aber daß ich einmal in Ruhe mit dir reden wollte, daran erinnere ich mich gut.
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Wir sind mit den Rädern losgefahren. Entsinnst du dich denn gar nicht?
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Wenn ich ehrlich bin, nein.
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Hinter diese kleine Hochhaussiedlung am äußersten Rand unseres feinen Bezirks. Thermometersiedlung. Ich weiß noch, daß mich der Name unendlich amüsierte. Dann sind wir stundenlang immer an der Begrenzung der Welt entlang geradelt. Mal ganz nah dran und man konnte durch den Zaun sehen, mal standen Häuser oder Gärten dazwischen, mal lag nur der Kanal zwischen Hier und Dort, mal lehnten wir uns zum Verschnaufen an eine dieser mannshohen, graubeigen Platten. Du hast ununterbrochen Geschichten erzählt. Daß ihr an der einen Stelle im Sommer manchmal ein Feuerchen machtet. Daß du vor einiger Zeit an der anderen Steine geworfen hattest und dann weglaufen mußtest, weil sich auf der anderen Seite Uniformen und Gewehre geregt hätten. Solche Sachen.
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Aufschneider. Ich war ein kleiner Angeber.
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Mir gefielen deine Geschichten.
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Das war ja Sinn und Zweck der Übung.
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Schließlich hast du mir erzählt, daß die ganze Stadt, rundherum, eingekreist ist. War. Damals. Daß man sich, wie viel Mühe man sich auch gäbe, nicht ernsthaft verlaufen könne in dieser Mikrowelt.
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Das waren dann wohl meine philosophischen fünf Minuten.
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Und dann wolltest du mich küssen.
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Klar!
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Aber da, wo ich herkam, küßten sich Liebende nicht beim ersten Spaziergang. Man nahm sich Zeit für solche Sachen. Man wartete eine Weile. Ich war gekränkt und wollte gehen.
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Daran entsinne ich mich noch. Das hat mich angestachelt. Ich mochte es. Dieses Etwas in deinem Gesicht und dann deine Entschiedenheit, daß die Dinge so nun wirklich nicht zu laufen hätten. Auch, daß es gleich um Liebe gehen sollte, fand ich gut. Das war irgendwie…
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...
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Sieh mich nicht so an. Es war eben romantisch. Das war es.
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Die Liebe ist eine ernsthafte Sache. Für mich war es nicht romantisch, sondern ernst.
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Ach, diese alten Kamellen! Laß uns von etwas anderem sprechen. Über die Liebe sind wir uns doch nie einig geworden.
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Nein, nie. Das ist wahr.
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Jetzt willst du dich also verkrümeln.
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Verkrümeln?.
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Na ja, das Wort fällt mir wohl ein, weil wir ausgerechnet hier stehen. Hier am Krümeleck.
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Eure Taxifahrerbezeichnung für diese Kreuzung, nicht wahr?
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Genau. Krümeleck. Die Halte hieß so, wegen des Cafés an der Ecke. Vermutlich heißt sie immer noch so im Jargon, obwohl sich die Kreuzung sehr verändert hat.
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Verkrümeln nicht gerade. Das ist es nicht, was ich tue.
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Immerhin gehst du fort. Nicht nur aus der Stadt, sondern gleich ganz aus dem Land.
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Ich habe große Lust auf Neues.
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Ein wenig extrem, findest du nicht?
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Extrem?
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Erst tust du jahrelang keinen Schritt in die andere Hälfte der Stadt und dann muß es gleich ein anderes Land sein. Kannst du nicht weniger extreme Schritte machen?
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Aber in den Jahren, in den letzten neun Jahren, sind viele Dinge geschehen.
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Was für Dinge? Sag bloß, du hast einen Besuch auf der anderen Seite zustande gebracht?
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Ich war dort. Oft. Ich habe gelernt, die Größe der Stadt zu ertragen, ihre Unbegrenztheit vor allem, diese erschreckende Mauerlosigkeit. Ich habe gelernt, sie zu erforschen. Es hat eine Weile gebraucht, aber dann…
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Dann?
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Ich habe es gemacht wie damals.
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Wie damals?
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Wie mit dir. Ich habe mich aufs Fahrrad gesetzt und bin losgefahren. Mit einem nagelneuen Stadtplan. Ich hatte unglaubliche Angst, mich zu verfahren. Ich fürchtete mich, nicht mehr nach Hause zu finden.
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Diese Ängste, die du immer hattest. Als wärst du ein kleines Kind.
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Ich habe mich tatsächlich verfahren. Ich kam nachts um halb vier vollkommen aufgelöst und verzweifelt wieder zu Hause an. Mit einem Taxi für teures Geld. Das Fahrrad habe ich stehenlassen. Irgendwo. Der Taxifahrer hat mir einen Zettel in die Hand gedrückt mit dem Straßennamen.
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Das ist eine durch und durch alberne Geschichte. Du bist erwachsen, selbstständig, intelligent. Du erwartest doch nicht, daß ich dir dieses Drama abkaufe.
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Das mit dem Taxifahrerzettel war ein Glück. Am nächsten Tag hab ich mich in die Straßenbahn gesetzt und bin dorthin gefahren. Mein Fahrrad stand, wo ich es angeschlossen hatte. Als hätte es auf mich gewartet. Ich hab es losgemacht und bin wieder in die Stadt gefahren. Langsamer diesmal und irgendwie ein wenig ruhiger. Immer wieder hab ich auf den Plan gesehen und als ich müde wurde, bin ich nach Hause geradelt. Danach habe ich mich nur noch selten verfahren. Monatelang sahen meine Wochenenden so aus.
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Warum kommt es mir nur so vor, als laufe dein Leben ab wie ein Theaterstück? Als sei in dem, was dir begegnet, alles symbolisch, bedeutungsschwanger, gewichtig. Vermutlich kannst du nichts dafür. Manche Menschen sind so. Und jetzt gehst du also ganz fort?
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Nein, nicht ganz fort. Ich habe eine kleine Wohnung gemietet in unserem alten Bezirk. Ich werde immer einmal wieder hier sein.
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Und warum? Warum gehst du überhaupt?
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Sieh mich nicht so an. Es war eben romantisch. Das war es.
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Ich will wissen, was hinter dem Rand kommt. Es zieht mich dahin. Hinter meinen Rand, den es nur in dieser Stadt gibt und sonst nirgends auf der Welt.
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Wenigstens ist es ein Sonnenland, das du dir ausgesucht hast. Dir hätte ich glatt einen Umzug in den Nebel zugetraut - und sei es nur aus Effekthascherei.
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Nein. Kein Nebel mehr. Jetzt eher Sonne.
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Und die Angst? Deine große Angst vor der Ferne und all das? Vor dem Fall in den Abgrund oder wie nanntest du es vorhin? Spürst du sie nicht mehr?
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Angst. Ich spüre sie, ja.
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Aber?
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Ich will herausfinden, ob es geht.
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Was?
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Aufbrechen, wann ich will und wohin ich will. Und erst, wenn ich soweit bin und so aufbrechen, wie es mir gefällt und vor allem…
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Vor allem?
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Ich will herausfinden, wie es ist, wenn man vor dem Aufbruch Zeit hat, ‚Auf Wiedersehen' zu sagen. Das will ich gern wissen. Wie man fortgeht, wenn man sich verabschieden konnte. Und vor allem, wie man ankommt nachdem man seinen Glaskasten, seine sichere Zelle verlassen hat.
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Dein Philosophieren nimmt heute gar kein Ende. Aber ich muß jetzt ohnehin los jetzt.
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Laß es dir gut gehen, mein Freund. Ich danke dir für dein Kommen.
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Gern geschehen. Vielleicht besuche ich dich irgendwann da unten in der Sonne. Du bist schon ein verrückter Vogel.
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Dann also: Auf Wiedersehen.
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Aus: Kanzlerinnen schwindelfrei. Über Berlin.
Transit Verlag, Berlin 2005 |