Sudabeh Mohafez   
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Der Zeitlupenschrei
Zehn Zeilen
Der Zeitlupenschrei
(Auszug aus einer Erzählung in Wüstenhimmel Sternenland)
© Sudabeh Mohafez

Der Zeitlupenschrei kommt bei einem Familienfest. Dreißig, vierzig Leute, viele Kinder, gutes Essen. Mitten da hinein zwängt sich der Schrei. Ein fruchtbarer, langgezogener und elender Schrei. Aus einer unbekannten Kehle hat er sich den Weg gebahnt durch die dicken Ziegelmauern des Hauses, den Windfang und die Halle, am sommerkalten Ofen vorbei, durch die Flügeltür und ist bis ins Wohnzimmer gedrungen, wo die Menschen sitzen und feiern. Er wiederholt sich, durchdringend, quälend, markerschütternd, und schwillt langsam, aber stetig zu entsetzlichem Elend an, voller Todesangst und Verzweiflung.

Das Innehalten geschieht dann in Zeitlupe. Auch das Heben des Kopfes. Das Erstarren des Lächelns auf den Lippen. Das Streichen der Strähne aus dem Gesicht und das Umdrehen auf den Fersen dabei. Das Laufen zur Haustür und das Geräusch von Erwachsenenschritten hinter dem Rücken. Wortfetzen wie in Watte. Über den Kopf greift eine große Hand langsam zur Klinke, drückt sie eine Ewigkeit lang nieder und öffnet die Tür. Die Feiermenschentraube quillt trudelnd in die Mittagssonne. Kinderaugen folgen der Straße. Sie beschreibt vor dem haus eine Kurve, die den kleinen Hügel hochfließt. Genau so, wie man manchmal vom Fahrrad steigen und schieben muß, weil er so steil ist, schiebt sich jetzt der Blick den Hügel hinauf.

Oben thront ein Kamel. Es kniet. Männer haben ihm den langen Hals nach hinten gebogen. Zwei drücken seine Wange gegen die eigenen Seite. Die anderen halten mit Stricken das vielfach gefesselte, große Tier am Boden. Das Kamel schreit. Es weiß, daß es stirbt. Das Kamel ist ganz und gar allein.

Alle beobachten, wie ein Mann mit einem riesigen Messer, fast einem Säbel, präzise, routiniert, rhythmisch, kräftig, dem Kamel, das in der Sonne auf dem Hügel thront, den langen Hals vom Körper trennt, bis die Schlagader geöffnet ist.

Sie fangen das Blut in einer Schüssel auf, die groß ist und aus verbeultem, silbrigweißem Blech. Das Blut schwappt über. Das Kamel schreit immer noch. Frauen und Männer stehen auf der Straße, sehen zu, unterhalten und langweilen sich, machen Witze, schimpfen mit Kindern, die Fangen spielen, und halten Babys auf dem Arm. Sie kraulen sich am Sack und unter den Brüsten. Sie spucken zur Seite und zünden sich Zigaretten an. Sie verlagern das Gewicht von einem Absatz auf den anderen und verscheuchen eine Fliege.

Später grinst eine Stimme durchs Zimmer. Der, dem sie gehört, beugt sich von hinten über den Stuhl und stemmt seine Arme links und rechts neben den Teller auf den Tisch. Er schaut von oben auf sein Kind und hält ihm, gespießt auf Gabelspitzen, ein Stück dampfendes Lammfleisch vor den Mund.

"Iß, Schatz", sagt die Stimme schmeicheln, "iß das leckre Kamelfleisch", und gluckst vor Belustigung kehliges Lachen aus sich heraus.

Das Entsetzen geschieht dann in Zeitlupe. Auch das Senken des Kopfes. Das Krampfen der Finger um hartes Lehnenholz und das Schließen von Augen und Mund. Das Geräusch einer Stimme wie Watte im Rücken. Um den Kopf greift eine große Hand langsam zum Kinn und dreht es eine Ewigkeit lang zu sich herum. Alle sehen zu, wieder Vater mit einer riesigen Gabel, fast einem Rechen, präzise und routiniert, rhythmisch, kräftig, dem Kind den Hals mit Fleisch vollstopft. Sie sammeln die Atemnot, die Übelkeit und die Angst in einer Woge aus kreischendem Gelächter und schlagen sich auf die Schenkel dabei. Frauen, Männer sitzen am Tisch und stehen im Raum herum. Sie sehen zu, unterhalten und langweilen sich, machen Witze, schimpfen mit dem Hund, der vom Garten her nach Knochen winselt, und halten Babys auf dem Arm. Sie kraulen sich am Sack und unter den Brüsten. Sie essen Dessert und zünden sich Zigaretten an. Sie verlagern das Gewicht von einem Absatz auf den anderen und verscheuchen eine Fliege.

Aus: Wüstenhimmel, Sternenland
Arche Verlag 2004

zuerst erschienen in: Federwelt - Zeitschrift für Autoren
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