Natürlich sprachen die neuen Freunde auch Französisch, jedenfalls ein wenig, aber sie taten es holprig und nur im Unterricht. Natürlich sprachen sie auch
Englisch, meist besser als Französisch, aber auch das nur im Klassenraum. Niemand: niemand sprach Persisch. Und das Deutsch, das mich umgab, war ein ruppiges, hingeraunztes Deutsch: Berlin bringt selten Zärtliches hervor.
Alle Verständigung schmolz in eine Art Trichter hinein. Alle Wörter flossen dort zusammen, drängten sich gegeneinander, und nur solchen aus einer einzigen Sprache gelang es, sich in das schmale Rohr zu zwängen, an dessen Ende die Menschen standen, mit denen ich nun leben wollte. Der Rest blieb
oben hängen im Trichterbecher, wurde Hunger und Durst. Seitdem es nur noch ein Wort für Baum gab, nicht mehr vier, ein Wort für Himmel, ein Wort für Angst, ein Wort für Liebe, dachte ich, ich würde ersticken. Ich dachte, ich könnte niemals wieder den Flug eines Reihers erkennen, wenn sein Himmel nur auf Deutsch ein Himmel wäre. Ich dachte, ich könnte niemals wieder um Hilfe rufen, wenn der, der mir helfen sollte, Angst nur auf Deutsch hören könnte. Ich dachte, ich könnte niemals einem Menschen sagen, daß ich ihn liebe, wenn er es nur auf Deutsch verstünde. Ich dachte, die Bäume stürben aus.
Also begann ich zu schreiben. Ich schrieb in der Sprache, die die Menschen, mit denen ich nun leben wollte, verstanden. Aber ich tat es regelbrüchig, nämlich: ich fühlte die Wörter auf Persisch dabei, da konnte ich wieder atmen. Und deshalb sage ich dir nicht, daß ich dich liebe. Ich sage: ich träume dein schwarzes Falkenherz. Ich segne das Ried, über das du fliegst. Ich sage: ich habe diese Menschen gewählt, aber unter ihnen dich. Vor allen andern habe ich dich gewählt. Und mein Gefieder, sage ich, ist so weich wie noch nie.
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